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Leseproben
Nibelungenlied
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'Nibelungenlied'
vorgetragen von Volker Mertens Nibelungenlied, Handschrift C, 2. Viertel 13. Jh.: Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Hs. Don. 63, Bl. 1r
Abbildung mit freundlicher Genehmigung der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe
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Das
Nibelungenlied
Strophische Heldendichtung
muss man sich im Vortrag gesungen vorstellen. Zum Nibelungenlied direkt
ist keine Melodie überliefert. Allerdings bietet die erhaltene Notation
zum Hildebrandston, der eine geringfügige Variation der Nibelungenstrophe
darstellt, eine Orientierung zu deren Vortrag. Die mittelalterliche
Notenschrift gibt allein die Höhe der einzelnen Töne an, d.h. den reinen
Melodieverlauf, nicht aber Tempo, Rhythmus und Ausdruck. Dem Sänger
war damit die Möglichkeit gegeben, anhand dieses Gerüstes die Aufführung
möglichst wirkungsvoll zu gestalten. Improvisation, stimmliche Charakterisierung
der einzelnen Sprechrollen sowie Variation von Tempo, Lautstärke und
Rhythmus zum Erzeugen unterschiedlicher Stimmungen lassen den Vortrag
aufeinanderfolgender gleichförmiger Strophen interessant und spannend
werden: 1. Âventiure 1 Uns ist in alten mæren* wunders vil geseit*
von
helden lobebæren*, von
grôzer arebeit*, von
fröuden, hôchgezîten*, von
weinen und von klagen, von
küener recken* strîten
muget ir nu wunder hœren sagen. 2 Ez wuohs in
Burgonden ein vil edel*
magedîn, daz
in allen landen niht
schœners mohte sîn, Kriemhilt
geheizen: si wart ein
scœne wîp. dar
umbe muosen degene*
vil verliesen den lîp*. 3 Der
minneclîchen* meide triuten*
wol gezam*. ir
muoten* küene recken,
niemen was ir gram. âne
mâzen schœne sô was ir
edel lîp*. der
juncvrouwen tugende
zierten anderiu wîp. 4 Ir pflâgen*
drîe künege edel unde
rîch*, Gunther
unde Gêrnôt, die recken
lobelîch, und
Gîselher der junge, ein ûz
erwelter degen. diu
vrouwe was ir swester, die
fürsten hetens in ir pflegen. 5 Die herren
wâren milte*, von arde* hôhe
erborn, mit
kraft unmâzen küene, die
recken ûz erkorn*. dâ
zen Burgonden sô was ir
lant genant. si
frumten* starkiu wunder sît*
in Etzelen lant. 6 Ze Wormez bî
dem Rîne si wonten mit ir
kraft*. in
diente von ir landen vil
stolziu ritterscaft mit
lobelîchen êren unz an ir
endes zît*. si
sturben sît jæmerlîche von
zweier edelen vrouwen nît*. 7 Ein rîchiu
küneginne frou Uote ir
muoter hiez. ir
vater der hiez Dancrât,
der in diu erbe liez sît
nâch sîme lebene, ein
ellens* rîcher man, der
ouch in sîner jugende
grôzer êren vil gewan. 8 Die drîe
künege wâren, als ich
gesaget hân, von
vil hôhem ellen. in wâren
undertân ouch
die besten recken, von den
man hât gesaget, starc
und vil küene, in scarpfen*
strîten unverzaget. [...] 12 Von des hoves
krefte und von ir wîten
kraft, von
ir vil hôhen werdekeit* und
von ir ritterscaft, der
die herren pflâgen mit
vröuden al ir leben, des
enkunde iu ze wâre niemen
gar ein ende geben*. 13 In disen hôhen êren troumte Kriemhilde, wie
si züge* einen valken,
starc, scœn‘ und wilde, den
ir zwêne* arn* erkrummen*.
daz si daz muoste sehen, ir
enkunde in dirre werlde
leider nimmer gescehen. 14 Den troum si dô
sagete ir muoter Uoten. sine
kundes niht besceiden* baz*
der guoten: „der
valke, den du ziuhest, daz
ist ein edel man. in
welle got behüeten*, du
muost in sciere* vloren hân.“ 15 „Waz saget ir mir von
manne, vil liebiu muoter
mîn? âne
recken minne sô wil ich
immer sîn. sus
scœn‘ ich wil belîben unz
an mînen tôt, daz
ich von mannes minne sol
gewinnen nimmer nôt.“ 16 „Nu versprich* ez niht ze
sêre“, sprach aber ir
muoter dô. „soltu
immer herzenlîche zer
werlde werden vrô, daz
gesciht von mannes minne.
du wirst ein scœne wîp, ob
dir noch got gefüeget* eins
rehte guoten riters lîp*.“ 17 „Die rede lât*
belîben“, sprach
si, „frouwe mîn. es
ist an manegen wîben vil
dicke worden scîn, wie
liebe mit leide ze jungest*
lônen kan. ich
sol si mîden beide, sone*
kan mir nimmer missegân*.“ 18 Kriemhilt in ir
muote* sich minne gar
bewac*. sît*
lebte diu vil guote vil
manegen lieben tac. daz
sine wesse* niemen,
den minnen wolde ir lîp. sît*
wart si mit êren eins vil
küenen recken wîp. 19 Der was der selbe
valke, den si in ir troume
sach, den
ir besciet ir muoter. wie
sêre si daz rach* an
ir næhsten mâgen*, die in
sluogen* sint*! durch
sîn eines sterben* starp
vil maneger muoter kint. Ausgabe: Das
Nibelungenlied. Nach der Ausgabe von Karl Bartsch hg. v. Helmut de Boor. 22.
revidierte u. v. Roswitha Wisniewski ergänzte Auflage. Mannheim 1988. |